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DER IDEALIST. Roman
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DER IDEALIST. Roman


 
                       
 
"Der Idealist"
– Roman in Vorbereitung –

ca. 400 S.
erscheint Anfang Febr. 2013
 
Der Protagonist entflieht aus der Enge seines Heimatdorfes ins verlockende West-Berlin. Mit ausgeprägtem und fast schon skurrilem Idealismus meint er Schwachen und Benachteiligten helfen zu können und erlebt - in den 70er und 80er Jahren - bei seinem Kampf um mehr Gerechtigkeit Wunderliches.

Leseprobe

In der WG

... In der Kottbusser Straße betreten wir ein Gründerzeit-Mietshaus, wie Alexander es nennt. Betteln und Hausieren verboten und Vorsicht frisch gebohnert stehen auf abgeplatzten Emailschildern an der Eingangstür. Das Schloss herausgebrochen, die Briefkästen verbeult. Ausgetretene Holzstufen steigen wir hoch; es riecht nach Knoblauch und Pisse. Von der Decke blättert Putz ab. Er zeigt mir das Außenklo auf halber Treppe und betritt die Wohnung im zweiten Stock. »Vom Flur jeh’n fünf Zimmer ab. Rechts: Wiltrud Wagner.« Er klopft an.

Wiltrud, schlank und groß, trägt eine Halskette mit silbernem A im Kreis als Anhänger – Alexanders Ehemalige.

»Hallo!«, sagt sie. Schöne glitzernde blaue Augen.

»Tach!« Ich stelle Rucksack und Erika vorsichtig ab – sie muss heil bleiben – und strecke Wiltrud die Hand hin, doch sie umarmt mich, gibt mir Küsschen rechts, links. Ich erstarre, schlage die Augen nieder; süßlich, erdig riecht ihr langer Hals. Ich schnuppere laut.

»Indisches Patschuli!«, sagt sie und streicht mir über den Bart. Sie kommt aus Heidelberg und studiert Germanistik. Ihr Zimmer ist spartanisch: Bett, Sessel, Regal, Tischchen. In der Schreibecke liegt nur ein knallgelbes Buch: Sexfront von Amendt. Mich fröstelt. Die beiden gehen mit mir ins freie »Berliner Zimmer«, wie Wiltrud sagt, groß und schummrig. Es wäre meins, wenn Justin und Lisa zustimmen, und Klaus. Der komme morgen Abend wieder.

Alexander zeigt auf zwei Matratzen und einen Philodendron und fragt Wiltrud, ob sie die will, aber die Heidelbergerin winkt ab. Nichts mehr will sie von ihm.

Alexander wendet sich ab. »Okay, okay, ick verdufte schon. Auf Kreta verstehen die Leute was vom Leben. Wirst keenen Pieps mehr von mir hören.« Seine Sachen im Keller hole er später ab. Erst wolle er zu seinen Eltern. »Zum Dank für alles!«, sagt er noch, reicht Wiltrud ein winziges Döschen, »Balsam aus Indien«, und umarmt sie. Mir winkt er zu, ruft: »Also, viel Glück und Vorsicht Guru!«, und verschwindet.

Wiltrud schweigt verblüfft, wiegt das Geschenk in ihrer Hand und legt es ins Regal zur Bernsteinkette und dem übrigen Schmuck.

»’n interessanter Typ«, sage ich.

»Ach, der ist immer nur auf der Flucht.« Sie lächelt sanft und zeigt mir mit lässigen Armbewegungen die Wohnung: zur Straße hin die Zimmer von Klaus, Justin und Lisa; hinter dem Berliner Zimmer den langen Gang zum Bad, zur Besenkammer, der ehemaligen Mädchenkammer, und zur Küche mit der zugemauerten Tür zum hinteren Treppenhaus.

In der Küche tritt ein verwegener Typ auf mich zu, um die dreißig, mit Schnauzer und Mittelscheitel. »Hello!« Er schlingt haarige Arme um meinen Brustkorb und drückt. Mir wird heiß. Bisher fassten mich Männer nur beim Prügeln an. Trete ich zu oder versetze ich ihm eine mit der Faust? Ich zögere. Ist er etwa andersrum? Ehe ich reagiere, lässt er los. Justin heiße er. Er trägt breite Hosenträger über dem zerknitterten roten T–Shirt. Vielleicht sind die Leute hier zärtlich. Das Umarmen lerne ich schon noch.

»Lisa, komm mal direkt her, ein Neuer ist hier!«, ruft er mit einem fremden, breiten Akzent und zieht mich in seine Bude. An der Wand kleben ein Jimi-Hendrix-Experience-Poster und ein Plakat: JOIN THE IRA! Darunter die Vietcongfahne mit einem roten Banner gekreuzt, erklärt er mir. Neben seiner Matratze stehen auf den Dielen zwei Lautsprecherboxen, mülltonnengroß. Und auf dem Fensterbrett mir fremde Topfpflanzen. Ich schaue Justin fragend an.

»Cannabis!« Er streicht sanft darüber und schiebt das Kaugummi von einer Seite des grinsenden Mundes zur anderen. Er studiert politics und ist aktiv im KSV.

»Doch nicht katholischer Studentenverband!«

»Communist!« Er zeigt aufs rote fünfzackige Abzeichen mit Hammer und Sichel an der schwarzen Lederjacke und starrt mich an, als müsse er den sonderbaren Tölpel aus Steinhop in eine Sammlung einordnen. In seiner Heimatstadt Frisco habe er von Angela Davis kämpfen gelernt – bei direkten Black-Power-Aktionen gegen den Ku-Klux-Klan und Rassismus auf der Straße, im Bus, in der Schule.

Justin höre ich gern zu. Der Kalifornier, mit über dreißig der Älteste hier, hat Durchblick und macht sich nicht unauffällig und klein – wie Münsterländer, die selbst bei Unrecht keine Schererei wollen. Er bereite die nächste Vietnam-Demo mit vor. Ich soll mitmachen. Ich schaue ihn mit großen Augen an, und mir läuft eine Gänsehaut den Rücken hoch. Genau das Richtige für mich – aber gibt das nicht Ärger?

»Du hast wohl alles verpennt«, sagt er. ...



 
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